Goldschmidt, Ernst Michael

Nachname: Goldschmidt
Vorname: Ernst Michael
Geburtsdatum: 05.12.1936
Geburtsort/Wohnort: Frankfurt am Main
Aufenthalt im Heim „Isenburg“: 27.10.1938 – 31.05.1939
Abgemeldet nach: Frankfurt am Main
Beruf:
Deportation/Flucht: Geflohen in einem Kindertransport im Juni 1939 nach England
Sterbedatum und -ort:

Ernst Michael Goldschmidt, mit Rufnamen Michael, wurde am 5. Dezember 1936 in Frankfurt geboren. Er lebte mit seinen Eltern und seiner Schwester in der Schumannstraße 10 im großbürgerlichen Frankfurter Westend.

Michaels Mutter Thea Goldschmidt war im Jüdischen Frauenbund aktiv und so kam es, dass sie Bertha Pappenheim und ihrer Nachfolgerin Helene Krämer im Heim „Isenburg“ als Sekretärin zur Hand ging.

Anfang November 1938 überließ Thea Goldschmidt den knapp zweijährigen Michael vorübergehend der Obhut des Neu-Isenburger Heims, um sich auf die Suche nach ihren Eltern, Eduard und Jenny Jammer, zu begeben. Sie waren während der von der NS-Regierung angeordneten Zwangsausweisung polnischer Juden aus dem Deutschen Reich Ende Oktober 1938 als vermeintlich polnische Staatsbürger aus ihrer Heimatstadt Dortmund an die polnische Grenze abgeschoben worden. Da die polnische Regierung die Aufnahme verweigerte, wurde das Ehepaar Jammer nach tagelangem Ausharren im Grenzgebiet unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem Viehtransport nach  Dortmund zurückgeschickt.

In der Zeit, in der seine Mutter ihre Eltern suchte, war Michael Goldschmidt im Heim „Isenburg“ bedrohlicher Gewalt ausgesetzt. Während des Novemberpogroms 1938 wurde abends das Haupthaus des Heims „Isenburg“ in Brand gesteckt, die Kinder mussten in Nachtbekleidung vom Hof aus zusehen. Der damals zweijährige Michael bekam einen Schreikrampf und musste über mehrere Tage ärztlich behandelt werden.

Michaels Vater konnte seinem Sohn nicht helfen. Er wurde während des Pogroms verhaftet und  in das KZ Buchenwald verschleppt. Mit dieser Maßnahme wollte man die jüdischen Familien zur Ausreise zwingen. Als der Vater am 7. Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager zurückkehrte, war er von der Haft schwer gezeichnet, abgemagert und kahl geschoren. Michael erkannte seinen Vater nicht mehr.

Bis Ende Mai 1939 lebte Michael zusammen mit seiner Mutter im Heim des Jüdischen Frauenbundes. Im Juni 1939 wurde er erneut von seinen Eltern getrennt und mit seiner sechs Jahre älteren Schwester Eva in einem Kindertransport nach England verschickt. Dort verließ ihn – aus Sicht des kleinen Jungen – auch noch die Schwester, denn die Kinder wurden  in verschiedenen Familien untergebracht. Allerdings lebten sie in der Nähe von Manchester in derselben Stadt, so dass sich die Geschwister regelmäßig besuchen konnten. Michael wurde von einer Methodistenfamilie  aufgenommen, seine Schwester von Quäkern.

Michaels Eltern gelang schließlich auf getrennten Wegen ebenfalls die Flucht nach England. Thea Goldschmidt nahm den zweijährigen Michael bald nach ihrer Ankunft zu sich, Eva blieb noch einige Zeit in ihrer Pflegefamilie. Michaels Vater war in England erneut von Verfolgung betroffen. Er wurde als feindlicher Ausländer interniert und in ein Gefangenencamp nach Australien gebracht. Erst 1943 war die Familie wieder in England vereint und überlebte dort den Zweiten Weltkrieg.

Michael Goldschmidts Großvater, Eduard Jammer, wurde nach dem Novemberpogrom 1938 in das KZ Buchenwald verschleppt, wo er am 26. September 1941 starb. Die Großmutter, Jenny Jammer, überlebte. Nach Kriegsende wohnte sie zunächst vorübergehend bei den Goldschmidts in England, besuchte dann in Neuseeland ihre Tochter Margot und  zog schließlich nach Australien zu ihren Brüdern. Dort starb Jenny Jammer am 3. Juni 1952.

Michael Goldschmidt absolvierte nach dem Zweiten Weltkrieg in England eine Ausbildung in der Landwirtschaft. Mit 20 Jahren zog es ihn 1956 nach Neuseeland. Dort wollte er seine Tante Margot besuchen und einige Jahre lang Lebens- und Berufserfahrung sammeln. Michael Goldschmidt fand jedoch in Neuseeland ein neues Zuhause. Er lebt dort heute mit seiner Frau.

Der Beitrag konnte mit Unterstützung von Ernst Michael Goldschmidt vervollständigt werden, der auch die Genehmigung erteilte, die Anonymisierung seiner persönlichen Daten aufzuheben.

Quellen: Stadtarchiv Neu-Isenburg, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden



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