Klein, Selma

Nachname: Klein
Vorname: Selma
Geburtsdatum: 08.06.1909
Geburtsort/Wohnort: Frankfurt am Main
Aufenthalt im Heim „Isenburg“: 25.05.-07.11.1926, vermutlich 1927, 25.02.-28.04.1932, unbekannt– 05.05.1937
Abgemeldet nach: unbekannt, letzte Adresse: Frankfurt am Main, Seumestr. 2
Beruf: Hausangestellte
Deportation/Flucht: 07.06.1939 Einweisung in das Arbeitshaus Breitenau, Entlassung am 8.07.1940 nach Frankfurt am Main, deportiert am 09.10.1941  in das Konzentrationslager Ravensbrück
Sterbedatum und -ort: 26.04.1942, Tötungsanstalt Bernburg an der Saale

Die Aufenthaltszeiten von Selma Klein im Heim des Jüdischen Frauenbundes lassen sich nicht genau rekonstruieren, weil Selma in den fragmentarisch überlieferten Personallisten der Einrichtung nicht verzeichnet ist. Ihr Name steht lediglich auf einer städtischen Meldeliste. Darin ist für den 5. Mai 1937 ihr Wegzug aus Neu-Isenburg festgehalten. Selma Klein war somit 1936/1937 in einem nicht näher einzugrenzenden Zeitraum im Heim „Isenburg“ untergebracht. Neuere Recherchen ergaben, dass Selma Klein auch schon früher, von März bis November 1926 und vermutlich erneut 1927 sowie ab Ende Februar 1932, in der Neu-Isenburger Einrichtung gelebt hatte.

Selma Klein war die Tochter des Frankfurter Ehepaars Isaak und Babette (Bertha) Klein (geborene Reinheimer). Sie hatte zwei jüngere Schwestern. Der Vater betrieb in Frankfurt am Main in der Windeckstr. 23/I einen Eiergroßhandel. Nach dem Boykott im April 1933 ging der Umsatz jedoch so stark zurück, dass Isaak Klein seinen Großhandel nach kurzer Zeit aufgeben musste. Er führte sein Geschäft noch bis Ende des Jahres 1935 als Kleinhandel weiter. Danach war die Familie auf die Wohlfahrtsunterstützung der Jüdischen Gemeinde angewiesen.

Die familiäre Situation war seit der Erkrankung von Babette Klein im Jahr 1924 prekär. Selma, die ihre nach dem Schulabschluss begonnene Ausbildung aufgrund der Erkrankung ihrer Mutter abgebrochen hatte,  war ab 1926 in verschiedenen Erziehungseinrichtungen und Pflegestellen untergebracht.

In den 1930er Jahren führte Selma ein unstetes Leben. Sie wurde wiederholt in Fürsorgeeinrichtungen betreut. Dazwischen nahm sie kurzfristige Arbeitsstellen an. Sie arbeitete in Lokalen und auf Jahrmärkten, bewährte sich aber auch als Kinderpflegerin und Hausmädchen, wie das positive Zeugnis einer Frankfurter Arbeitgeberin belegt. Im Dezember 1931 ließen das Pflegeamt der Stadt Frankfurt und die Jüdische Wohlfahrtspflege Selma Klein in eine Frankfurter Klinik einweisen, weil sie an einer nicht näher definierten, meldepflichtigen „Hautkrankheit“ litt. Sie soll damals in einer verwahrlosten Wohnung gelebt haben. Nach mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt fand Selma 1932 Aufnahme in Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg, lief dort aber einige Wochen später weg, weil sie sich wegen ihrer Krankheit ausgegrenzt fühlte.

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung verschärfte sich das Vorgehen des Staates gegen Menschen, deren Lebensführung den gesellschaftlichen Normen nicht entsprach. Wer zum Beispiel straffällig wurde oder den öffentlichen Kassen zur Last fiel, wurde als „asozial“ abgestempelt und aus der „Nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ ausgegrenzt. Diese Konstruktion der NS-Ideologie versprsach soziale Gemeinschaft, politische Einheit und nationalen Aufstieg, überzog aber diejenigen, die aus rassischen, politischen, sozialen oder religiösen Gründen oder aber wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dieser „Gemeinschaft“ ausgeschlossen waren, mit Diskriminierung und Gewalt. Solche Menschen gerieten in den Fokus staatlicher Verfolgung. Als „asozial“ Ausgegrenzte, wie Selma Klein, wurden zwangssterilisiert, in Arbeitshäuser eingewiesen, in Konzentrationslager und Törungsanstalten verschleppt und ermordet.

Da Selma Klein den Auflagen des Gesundheitsamts wegen ihrer infektiösen Erkrankung nicht nachkam und sich im Umfeld von Prostituierten aufgehalten hatte, wurde sie mehrfach festgenommen und inhaftiert. Darüber hinaus wurde sie nun auch als Jüdin verfolgt. So geriet sie wegen „Rassenschande“ ins Fadenkreuz der nationalsozialistischen Strafverfolgungsbehörden.

1936 diagnostizierte Prof. Karl Kleist in der Frankfurter Nervenklinik bei Selma Klein „haltlose triebhafte Psychopathie“ und empfahl die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt. Auf Einspruch ihres Vaters scheint Selma aber zunächst noch einmal im Heim „Isenburg“ aufgenommen worden zu sein, bevor sie 1937 in die Landesheilanstalt Hadamar eingewiesen wurde, wo sie schon einmal in der Zeit der Weimarer Republik untergebracht war. Die erneute Überstellung stand offenbar im Zusammenhang mit der beabsichtigten zwangsweisen Sterilisierung der jungen Frau. Die Operation wurde gegen den brieflich dokumentierten, erbitterten Widerstand von Selma Kleins Vater am 3. November 1937 in Herborn durchgeführt.

Nach der Ausgrenzung von Juden aus der staatlichen Fürsorge wurde Selma Klein am 10. Mai 1939 aus der Anstalt Hadamar entlassen, in Vorbeugehaft genommen und für ein Jahr in das Arbeitshaus Breitenau bei Kassel eingewiesen. Man unterstellte ihr, sich prostituiert zu haben. Nach ihrer Haftentlassung am 7. Juli 1940 lebte Selma Klein in der Seumestr. 2. Am 9. Oktober 1941 meldeten die NS-Behörden sie aus Frankfurt ab und ließen sie in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppen. Im April 1942 wurde in die Tötungsanstalt Bernburg an der Saale überführt.  Dort wurde Selma Klein im Rahmen der gegen KZ-Häftlinge gerichteten Tötungsaktion „Aktion 14f13“ am 26. April 1942 ermordet.

Von der fünfköpfigen Familie Klein überlebte nur Selmas jüngste Schwester die Shoah. Der Vater, Isaak Klein,  wurde am 15. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er knapp zwei Jahre später starb. Eine Angehörige, die in Theresienstadt als Krankenschwester arbeitete, schrieb an Isaak Kleins überlebende Tochter, ihr Vater sei verhungert. Selmas zweite Schwester, Frieda Weingärtner, geborene Klein, starb am 5. Juli 1944 im Konzentrationslager Auschwitz.

Quelle: Der Gedenkbucheintrag basiert auf Recherchen und dem Aufsatz von Martina Hartmann-Menz: Familie Klein aus Frankfurt – Opfer von Verfolgung, Zwangssterilisation und Vernichtung (Fassung 08/2015), der im Internet unter http://gedenkort-t4.eu/de/vergangenheit/selma-klein veröffentlicht ist (Fassung 07/2016). Unter dieser Adresse sind auch die von Frau Hartmann-Menz verwendeten Quellen aufgeführt.

Weitere Quellen: Stadtarchiv Neu-Isenburg; Jüdisches Museum Frankfurt am Main; Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945; Yad Vashem, The Central Database of Shoah Victims‘ Names



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